EIN RIEGEL ACHTSAMKEIT

SCHOKOLADE STATT HERABSCHAUENDER HUND

Eine Schokolade ist eine Schokolade ist eine Schokolade. An diesem Satz ist so ziemlich alles falsch. Dass Schokoladen extrem unterschiedliche Qualität haben, nachhaltig oder nicht nachhaltig sein können und handgefertigt sind oder nicht und noch viel mehr, dürfte mittlerweile bekannt sein. Also, geschenkt.

Doch was ist mit dem Verzehr? Mund auf, Schokolade rein, genießen? Weit gefehlt. Denn nicht nur das Thema Slow Food, sondern auch das der Nachhaltigkeit und der Achtsamkeit spielen eine immer größere Rolle. Was noch vor einigen Jahren oft in die Esoterik-Ecke abgeschoben wurde, schafft es als Thema mittlerweile sogar auf Magazin-Titelseiten im Business-Bereich. Doch was ist dran an dieser Achtsamkeit, an dieser bewussten Konzentration und Präsenz im Augenblick.

Das Gehirn braucht Achtsamkeit

Der Blick auf den wissenschaftlichen Aspekt zeigt, dass mittlerweile zahlreiche Studien erwiesen haben, welche Auswirkungen Achtsamkeit auf unser Gehirn, auf unser Stresslevel und damit auch auf unsere Gesundheit hat. Die so genannte Neuroplastizität unseres Gehirns ermöglicht es, dass diverse Bereiche wie Synapsen, Nervenzellen oder ganze Hirnareale sich in Abhängigkeit von ihrer Verwendung verändern. Das funktioniert negativ, aber eben auch positiv durch das Training mit Achtsamkeitstechniken.

Das heißt dass bestimmte Areale, wie die Amygdala, die in Stresssituationen besonders strapaziert wird, oder auch der präfrontale Cortex, der in diesen Momenten eher vernachlässigt wird, aus dem Gleichgewicht geraten und sogar ihre Größe verändern können. Die gute Nachricht: Durch Yoga, Meditation, aber auch einfache regelmäßige Mindfulness-Methoden können wir diese Entwicklung stoppen und sogar rückgängig machen.

Schokoladengenuss als Achtsamkeits-Praxis

Und an dieser Stelle kommt die Schokolade ins Spiel. Denn, weit gefehlt, wer denkt, Achtsamkeit funktioniert nur in einer Höhle in den Bergen, im perfekten Schneidersitz oder im herabschauenden Hund. Achtsamkeit können wir in jedem Augenblick unseres Alltags praktizieren.

Wer kennt das nicht. Viele Aufgaben, das Mailfach läuft über, vielleicht schreit noch ein Kind. 10.000 Dinge, die gefühlt gleichzeitig zu regeln sind. Zeit zum Abschalten? Weit gefehlt. Multitasking ist gefragt, obwohl rein „technisch“ gar nicht möglich. Denn unser Gehirn nimmt beim Springen von der einen zur anderen Aufgabe immer einen kleinen Systemwechsel vor, der nur Bruchteile von Momenten dauert, aber da ist.

Und dann kommt tatsächlich eine Pause. Und was tun wir? Trinken eine Tasse Kaffee und schauen dabei ins Smartphone, unterhalten uns und sind abgelenkt. Und hier erfolgt das Geräusch einer Nadel, die über eine Schallplatte kratzt. Denn genau in diesem Moment wäre es gut, kurz innezuhalten. Was wäre, wenn wir kleine Micro-Pausen wirklich genießen und für uns nutzen können? Kleine Mini-Sequenzen, regelmäßig wiederholt, der erste Schritt zu mehr Gelassenheit und weniger Druck wären?

Mit allen Sinnen wahrnehmen

Also verlassen wir mal ganz bewusst für ein paar Minuten den Hamsterrad-Autopilot-Modus und schalten in den Hier-und-Jetzt-Modus. Wir genießen ein Stück edler, handgefertigter Schokolade mit voller Aufmerksamkeit. Das beginnt schon beim Betrachten der Verpackung und ein paar Gedanken daran, welche Schritte nötig waren, bis diese Schokolade bei uns gelandet ist. Wie viele Menschen möglicherweise an der Produktion beteiligt sind. Welche wertvollen Inhaltsstoffe die Schokolade hat. Wir können eine Schokolade mit allen Sinnen wahrnehmen. Sie anschauen, an ihr riechen, sie anfassen und vielleicht sogar mal das Rascheln des Papiers beim Auspacken wahrnehmen. Wir können die Schokolade dann in kleinen Stückchen verzehren und auch dabei nicht die Aufmerksamkeit verlieren und den Augenblick beobachten. Ohne Wertung. Und immer, wenn Gedanken aufkommen, was übrigens völlig normal ist, dies bemerken und unsere Aufmerksamkeit zurück zur Schokolade lenken. Quasi so, als würden wir feststellen, dass sich plötzlich der Bildschirmschoner einschaltet, weil wir abgelenkt waren und kurz den Button drücken, um wieder klar zu sehen.

Ein bisschen süßes Glück und Entspannung

Diese etwas andere Art, eine Schokolade zu verzehren, könnte dafür sorgen, dass sich die Aufmerksamkeit plötzlich sogar auf anstehende Aufgaben überträgt oder kreative Gedanken aufkommen. Und noch etwas macht diese Art des Schokoladenkonsums mit uns. Wir besinnen uns ein wenig auf die Wertschätzung für dieses edle Produkt, das darüber hinaus durch die Ausschüttung von Endorphinen und Serotonin zu ein wenig Glücks- und Entspannungsgefühl sorgen kann. Ganz abgesehen davon, dass das ebenfalls in der Schokolade enthaltene Theobromin unseren Fokus stärkt.

Ein kleines Achtsamkeitsritual also, das sich lohnt, regelmäßig einzubauen, um es zur Gewohnheit werden zu lassen und einen nachhaltigen Effekt zu erzielen. Denn Achtsamkeit ist ein bisschen wie Krafttraining. Der Aufbau des „Achtsamkeitsmuskels“ funktioniert nur richtig gut bei regelmäßigem Training.

Risiken und Nebenwirkungen

Nun könnte es sein, dass das Lesen dieses Artikels fiese Nebenwirkungen mitbringt. Erschreckt euch also nicht, wenn ihr beim nächsten Mal, wenn ihr ganz nebenbei und völlig abgelenkt einen Schokoladenriegel verschlingt, kurz innehaltet, weil euch bewusst wird, dass ihr gerade im Autopilot lauft.

Und ganz ehrlich: Natürlich genießen auch wir unsere Schokolade nicht immer achtsam. Denn wer mag schon perfekte Menschen. Es sind doch die kleinen Schwächen und Macken, die uns besonders liebenswert machen.

Also, ein kleiner Schritt in Richtung Schokoladen-Achtsamkeit könnte ein Anfang sein und ist garantiert extrem lecker.

Zwei Buchtipps zum Thema:

Mindfulness for Chocolate Lovers von Diane R. Gehard
Deep Tasting: A Chocolate Lover’s Guide To Meditation von R.M. Pelus