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Warum Agroforstsysteme unsere Zukunft sind
Die Kakaopflanze stammt ursprünglich aus dem tropischen Regenwald. Kein Wunder also, dass sie sich besonders wohlfühlt, wenn sie nicht alleine steht. Genau hier setzen Agroforstsysteme an: naturnahe Anbaustrukturen, bei denen Kakaopflanzen gemeinsam mit anderen Nutz- und Wildpflanzen kultiviert werden. So entsteht ein artenreiches, naturnahes Ökosystem – das nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich viele Vorteile bietet und als echte Alternative zur Monokultur ein zentrales Element nachhaltiger Lieferketten.

Alle Kakaos, die wir bei Pott au Chocolat verwenden, stammen aus solchen Systemen
Wir beziehen sie ausschließlich über unsere Partner Silva Cacao (Antwerpen) und Crafting Markets (Amsterdam). Beide arbeiten eng mit Kooperativen zusammen, die sich dem Prinzip der Buenas Prácticas Agrícolas verschrieben haben – also guter landwirtschaftlicher Praxis, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigt.
Dazu gehören:
- zentrale Sammel- und Fermentationsstationen, die gleichbleibend hohe Qualität sichern und faire Preise ermöglichen,
- Baumschulen, in denen klimaresiliente Kakaosorten und Schattenbäume gezüchtet werden,
- sowie Schulungen für Kleinbäuer:innen, um Wissen über nachhaltige Anbaumethoden weiterzugeben.
Das Ergebnis sind Rückverfolgbarkeit, Transparenz – und Kakao, der mit Blick auf die neue EU-Verordnung über entwaldungsfreie Produkte (EUDR) absolut zukunftsfähig ist. In Agroforstsystemen ist das Prinzip „No deforestation“ gelebte Realität.

Biodiversität als echter Mehrwert
Aber Agroforstwirtschaft schützt nicht nur den Wald – sie bringt ihn zurück. In vielen Regionen werden durch die Integration von Schattenbäumen und Wildarten degradierte Böden wiederbelebt, Wasserkreisläufe stabilisiert und Lebensräume für Tiere erhalten. Das hat globale Bedeutung: Denn je vielfältiger ein Ökosystem, desto besser kann es Klimaextreme abpuffern, CO₂ binden und Krankheiten unterdrücken.
Auch für die Kleinbäuer:innen zahlt sich dieser Weg aus. Die zusätzliche Ernte von Früchten, Holz oder Heilpflanzen verbessert die Einkommenssituation, stärkt die Ernährungssicherheit und reduziert die Abhängigkeit vom Weltmarktpreis für Kakao. Agroforstwirtschaft ist damit nicht nur ökologisch sinnvoll – sondern auch ein sozialer Fortschritt.

Was bedeutet EUDR?
Die neue EU-Verordnung zu entwaldungsfreien Produkten (EUDR) tritt Ende 2025 in Kraft. Sie verpflichtet Unternehmen nachzuweisen, dass ihre Produkte (u. a. Kakao, Kaffee, Soja, Holz) nicht auf Flächen erzeugt wurden, die nach dem 31. Dezember 2020 abgeholzt wurden. Für Kakao bedeutet das:
GPS-basierte Rückverfolgbarkeit bis zur Parzelle
Nachweis von Entwaldungsfreiheit
Sorgfaltspflichten und Risikobewertung entlang der Lieferkette
Ziel ist es, Wälder weltweit besser zu schützen – auch durch Verantwortung auf Seiten der Importeure.
So sieht Agroforstwirtschaft in der Praxis aus – drei Projekte
Kolumbien – ANEI (Sierra Nevada)
Die indigene Arhuaco-Kooperative ANEI setzt seit über 25 Jahren auf naturnahe Systeme mit Schattenbäumen, Avocados, Mais, Bohnen und Wildkräutern. Der Kakao wächst in Höhenlagen von bis zu 1.200 m und wird von Hand geerntet. ANEI bildet junge Menschen zu Agrartechniker:innen aus und betreibt eigene Sammel- und Fermentationsstationen. Ihr Kakao ist bio-zertifiziert, sozial und sensorisch exzellent – wir nutzen ihn z. B. für unsere 100 % Arhuaco Schokolade.
Tansania – Kokoa Kamili (Kilombero-Tal)
Gegründet von zwei ehemaligen Entwicklungshelfern, die eine echte Alternative zur klassischen „Hilfe von außen“ schaffen wollten. Kokoa Kamili betreibt eine zentrale Fermentationsstation in einem umgebauten Disco-Gebäude und zahlt den Bäuer:innen deutlich über Marktniveau. Zusätzlich gibt es ein Frauenprogramm, das Bildungszugänge für Kinder finanziert. Der Kakao wächst in kleinbäuerlichen Agroforstsystemen rund um den Udzungwa-Nationalpark.
Peru – Norandino (Piura & Amazonas)
Die Kooperative Norandino unterstützt über 7.000 Familien beim Umstieg auf biologischen und biodiversen Kakaoanbau. In den Waldgärten gedeihen auch Zitrusbäume, Bananen, Leguminosen und Heilpflanzen. Die Kooperative betreibt eine eigene Baumschule, schult regelmäßig in Bodenpflege, Kompostierung und Klimaanpassung – und stellt hochwertige fermentierte Bohnen für den Spezialitätenmarkt bereit.
-> Agroforstsysteme sind kein Nischenmodell. Sie sind heute schon Realität in den Projekten, mit denen wir arbeiten und ein Weg, wie Kakaoanbau im Einklang mit Mensch und Natur funktionieren kann. Für besseren Geschmack, mehr Gerechtigkeit und eine Zukunft ohne Abholzung.

Klimakrise, Kakao und Krisenfestigkeit – Warum wir neue Anbausysteme brauchen
Noch nie war Kakao so teuer wie heute. Allein im vergangenen Jahr ist der Weltmarktpreis um über 300 % gestiegen – ein Rekordhoch, das nicht nur die Schokoladenindustrie unter Druck setzt, sondern vor allem zeigt, wie anfällig das globale Kakao-System geworden ist.
Die Gründe sind vielschichtig: In Westafrika – das für rund 70 % der Weltproduktion steht – kam es 2023/24 zu massiven Ernteausfällen. Hitzewellen, Starkregen, Pilzbefall und Ernteverzögerungen durch fehlende Infrastruktur trafen Ghana und Côte d’Ivoire besonders hart. Solche Extremwetterlagen nehmen durch die Klimakrise rasant zu – und machen den Kakaoanbau in klassischen Monokulturen extrem anfällig.
Hinzu kommen spekulative Preistreibereien an den Warenterminbörsen: Während Bauern mit leeren Händen dastehen, machen andere mit der Krise Gewinn. Das zeigt: Wir müssen uns nicht nur auf den Klimawandel einstellen, sondern auch unsere Lieferketten neu denken – fairer, transparenter und resilienter.
Was sind Longhold-Spekulationen im Kakaohandel?
An Börsen wie der ICE Futures US in New York oder ICE Europe in London wird Kakao nicht physisch gehandelt, sondern über sogenannte Futures – also Terminkontrakte, die den Kauf oder Verkauf einer bestimmten Menge Kakao zu einem zukünftigen Zeitpunkt garantieren.
Große Händler, Investmentfonds und Banken nutzen diese Kontrakte zur Longhold-Spekulation:
Sie kaufen Futures mit der Erwartung, dass die Preise weiter steigen und halten sie dann über Wochen oder Monate, ohne den Kakao je physisch übernehmen zu wollen. Dieses „Horten auf dem Papier“ verknappt das verfügbare Handelsvolumen künstlich und treibt die Preise zusätzlich in die Höhe.
Die Folgen:
- Die tatsächliche Angebotslage wird verzerrt.
- Kleine Hersteller zahlen überhöhte Preise – unabhängig davon, ob der Kakao bereits geerntet wurde oder nicht.
- Bäuer:innen profitieren davon kaum, weil ihre Abnahmepreise oft festgelegt oder durch Zwischenhändler gedrückt sind.
Warum brauchen wir resiliente Alternativen?
Die aktuelle Krise offenbart eine gefährliche Abhängigkeit von wenigen Ländern, Wetterbedingungen und Finanzmärkten. Kleinbäuer:innen, die 90 % des globalen Kakaos produzieren, tragen das meiste Risiko, haben aber am wenigsten Einfluss auf die Preise.
Agroforstwirtschaft und direkte Handelsbeziehungen bieten hier einen konkreten Gegenentwurf:
- Sie machen Anbausysteme robuster gegen Klimastress.
- Sie schaffen faire, stabile Preise unabhängig von Börsenlogik.
- Sie fördern lokale Wertschöpfung z. B. durch Fermentationsstationen oder Bildungsprogramme.
Agroforstsysteme können dabei eine zentrale Rolle spielen. Denn sie sorgen nicht nur für mehr Artenvielfalt und gesunde Böden, sondern auch für mehr Klimastabilität. Durch das Zusammenspiel verschiedener Pflanzenarten bleiben Böden feuchter, Erosion wird verhindert und CO₂ langfristig gespeichert. Die Systeme sind anpassungsfähiger, wenn sich Regenmuster verschieben, und helfen, Hitzeperioden zu überstehen. Besonders für Kleinbäuer:innen bieten sie die Chance, unabhängiger zu werden – ökonomisch wie ökologisch.
Und: Sie ermöglichen Rückverfolgbarkeit, die auch von Regulierungsseite (z. B. durch die neue EU-Verordnung zu entwaldungsfreien Produkten – EUDR) zunehmend eingefordert wird.

Die Rolle der vier dominanten Kakaoverarbeiter
Vier Konzerne kontrollieren laut Schätzungen über 60–70 % der weltweiten industriellen Kakaoverarbeitung:
- Barry Callebaut (Schweiz)
Weltweit größter Verarbeiter von Kakaobohnen. Produziert Halbfabrikate (Masse, Butter, Pulver) für Industrie- und Markenschokoladen. Betreibt eigene Lager und Veredelungsanlagen u. a. in den Niederlanden, Belgien, USA und Westafrika. Arbeitet mit großen Plantagen und integriertem Lieferkettenmanagement. - Cargill (USA)
Globaler Agrarkonzern mit Schwerpunkt auf Handel und Verarbeitung. Kontrolliert Kakaoflüsse über Logistik, Lagerung, Risikomanagement und industrielle Veredelung. Eng in Commodity-Märkte eingebunden und einer der aktivsten Händler an den Rohstoffbörsen. - Olam Group / ofi (Singapore/UK)
Früher rein auf Agrarhandel spezialisiert, inzwischen auch stark in der industriellen Verarbeitung aktiv (z. B. über eigene Werke in Deutschland, Niederlande, USA, Elfenbeinküste). Investiert zunehmend in Rückverfolgbarkeitssysteme und nachhaltigkeitsnahe Programme. - Ecom Agroindustrial (Schweiz)
Weniger bekannt, aber einer der größten Lieferanten von Kakaobohnen und Halbfabrikaten für die Industrie. Ecom tritt nicht unter eigener Marke auf, sondern beliefert Großabnehmer. Stark im Rohstoffeinkauf, Export und Zwischenhandel – oft mit Herkunft in Westafrika und Südamerika.
Diese Unternehmen sind nicht nur Marktakteure, sondern gestalten durch ihre Einkaufspolitik, Preisverhandlungen und Risikostrategien maßgeblich das weltweite Kakaosystem. Sie können Projekte fördern, aber auch dominieren – je nach Anreizstruktur.
Unser Fazit
Für uns bei Pott au Chocolat ist das nicht nur ein ökologisches Anliegen, sondern auch eine Frage der Qualität: Edelkakao entfaltet sein volles Aroma nur, wenn die Pflanze gesund wachsen kann – mit ausreichend Schatten, gutem Boden und sorgfältiger Pflege. Alle Kakaosorten, die wir für unsere Bean To Bar Schokolade verwenden stammen heute aus solchen naturnahen Mischsystemen. Sie sind nicht nur die bessere Wahl für die Natur, sondern auch für den Geschmack.




