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Was ist die EUDR?
Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) sagt: Kakao, der in der EU verkauft wird, darf nicht von frisch abgeholzten Flächen stammen. Außerdem muss er legal angebaut worden sein. Und zwar nachweisbar.
Das ist die entscheidende Änderung: Es reicht nicht mehr zu sagen „nachhaltig“ – jede einzelne Kakaolieferung muss belegt werden können. Lückenlos. Bis zur Farm.
Dafür braucht es:
- Geodaten der Anbauflächen (GPS-Punkt oder Kartenumriss der Parzelle).
- Nachweis, dass dort nach Ende 2020 kein Wald gerodet wurde.
- Eine sogenannte Sorgfaltspflicht-Erklärung (Due Diligence Statement, DDS), die diese Informationen bei der EU hinterlegt. Jede Charge bekommt dafür eine Referenznummer.
Ohne diese Nummer kommt Kakao langfristig nicht mehr in die EU.

Warum macht die EU das?
Ganz einfach: Schokolade aus Europa soll nicht auf Kosten von Regenwald entstehen.
Die Verordnung ist eine Antwort auf jahrelange Rodung für Rohstoffe wie Palmöl, Rindfleisch und eben auch Kakao. Ziel ist: Null Entwaldung. Null Grauzone. Volle Rückverfolgbarkeit.
Das ist sinnvoll. Aber der Weg dorthin ist hart.
Die harte Realität: kleine Farmer im Globalen Süden
Die meisten Kakaobauern sind Kleinbauern mit sehr kleinen Parzellen. Genau diese Menschen stehen jetzt plötzlich vor Aufgaben wie:
- GPS-Daten aufnehmen
- Grenzen ihrer Parzelle offiziell dokumentieren
- Beweisen, dass ihr Kakao legal und entwaldungsfrei ist
- Diese Daten einem Exporteur oder Importeur geben, der sie in EU-Systeme überträgt
Klingt nach „einmal kurz mit dem Handy kartieren“, ist aber in der Praxis oft sehr aufwendig:
- Viele Höfe liegen abgelegen, es gibt keine gute Infrastruktur.
- Grundstücksgrenzen sind nicht immer offiziell vermessen.
- Eigentumsrechte sind nicht immer sauber dokumentiert.
- Es fehlt schlicht Zeit, Ausrüstung, Schulung, Geld.
Und trotzdem gilt: Kein Datensatz = kein Zugang zum EU-Markt.
Das Risiko ist klar: Wer die Bürokratie nicht schafft, verliert seinen wichtigsten Absatzmarkt. Die EU ist riesig für Kakao. Wenn kleine Farmer rausfallen, profitieren eher Großfarmsysteme und große Exporteure, die die Dokumentation einfacher stemmen können.
Das ist die Sorge: Dass aus einer „Waldschutz-Regel“ unbeabsichtigt eine „Markteintrittsbarriere für Kleinbauern“ wird.

Rolle von Kooperativen
Kooperativen werden durch die EUDR noch wichtiger:
- Eine einzelne Bäuerin mit 2 Hektar kann selten selbst komplette Satelliten- und Legalitäts-Dokumentation liefern.
- Eine gut organisierte Kooperative kann Daten sammeln, Parzellen erfassen, Schulungen machen und die Infos an den Exporteur weitergeben.
Aber auch für Kooperativen bedeutet das: Mehr Verwaltung, mehr Papierlage, mehr Verantwortung. Das ist zusätzliche Arbeit, die bisher nicht bezahlt wurde, aber jetzt zwingend nötig ist.
Wenn Kooperativen diese Aufgabe stemmen (Mapping, Risikobewertung, Abgleich mit Entwaldungsdaten), können sie ihren Mitgliedern den Zugang zum EU-Markt sichern. Wenn nicht, verlieren ganze Gruppen von Kleinbauern eine wichtige Kundschaft.
Das ist ein echter Kipppunkt.
Was heißt das für ‘Bean-to-Bar in Europa?
Bean-to-Bar-Manufakturen in Europa – also kleine Schokoladenhersteller, die direkt mit Bohnen arbeiten – geraten durch die EUDR in eine Art Dokumentations-Zwischenzone.
Was neu ist:
- Wir müssen jede Bohnencharge rückverfolgen können.
Wir müssen zeigen können:- Von welchem Feld kamen diese Bohnen?
- Wurde dort nach 2020 Wald gerodet? Ja/nein?
- Unter welcher DDS-Referenznummer wurde diese Charge in die EU eingeführt?
Das heißt: Kein „Kakao aus Peru“ als Info. Sondern: „Charge XY, Parzelle XY, Referenznummer XY“.
- Wir müssen diese Infos archivieren.
Nicht nur für uns, sondern auch für Behördenkontrollen. Es reicht nicht, dass unser Importeur sagt „alles okay“. Wir müssen nachweisen können, welche Bohnen in welche Schokolade gewandert sind.
Das zwingt uns zu noch saubererer Chargenführung in der Produktion.
- Wir werden zu Auskunftsstellen.
Kund:innen werden – völlig zurecht – mehr Details sehen wollen:- Welche Region genau?
- Welche Anbaumethode?
- Agroforstsystem oder Monokultur?
- Welche Menschen stehen dahinter?
Diese Transparenz ist gut. Sie entspricht auch unserem Anspruch. Aber sie ist kein Nebenbei-Thema.
- Wir tragen europäische Bürokratie – und bezahlen sie.
Wichtig (und ein bisschen ironisch):- Die EUDR erzeugt Bürokratie hier in Europa. Die Einhaltung wird in der EU geprüft.
- Die Arbeit, die diese Bürokratie möglich macht (Daten sammeln, Parzellen kartieren, Satellitenabgleich, Rechtssicherheit), passiert aber in den Ursprungsländern – oft unter viel schwierigeren Rahmenbedingungen.
Das heißt: Wer als europäische Bean-to-Bar-Manufaktur „sauberen Kakao“ anbieten will, muss Partner haben, die diese Arbeit vorfinanzieren und organisieren. Das kostet. Mit anderen Worten: Die Verordnung setzt nicht primär auf Siegel, sondern auf Daten. Das verändert unser Einkaufsverhalten, unsere Lieferketten-Strategie und am Ende auch die Preisdiskussion mit Endkund:innen.

Was tun gute Importeure (zum Beispiel unser Partner SILVA Cacao)?
Ein seriöser Importeur nimmt uns (und damit auch den Bauern) einen Teil der Last ab:
- Sie sammeln die Geodaten der Farmen.
- Sie prüfen per Satellit und Risikobewertung, ob irgendwo Wald zerstört wurde.
- Sie erstellen die verpflichtende Sorgfaltserklärung (DDS) bei der EU.
- Sie hängen die DDS-Referenznummer an jede Bohnenrechnung.
Für kleine und mittlere Chocolatiers in Europa bedeutet das:
- Wir müssen nicht jede einzelne Farm selbst kartieren.
- Wir müssen nicht selbst in das EU-Meldesystem einsteigen.
- Wir bekommen die Nummern und Nachweise geliefert und können sie im Zweifel einer Behörde zeigen.
Ohne solche Partner wäre EUDR-Compliance für kleine Bean-to-Bar-Betriebe kaum machbar. Mit solchen Partnern wird’s aufwendig, aber machbar.
Was heißt das für dich als Kundin/Kunde?
Wir können in noch klarer nachweisen, dass wir wissen, wo der Kakao für unsere Bean-To-Bar Schokolade herkommt. Rückverfolgbarkeit bis zur Parzelle wird vom Marketingargument zum Standard hoffentlich auch für die “Großen”:
- Herkunft ist nicht nur „Land“, sondern wirklich „Ort“.
- Nachhaltigkeit ist nicht nur ein grünes Siegel, sondern belegt.
- Agroforst, Biodiversität, Wasserschutz werden sichtbarer Teil der Produktgeschichte – nicht Footnote.
Das ist gut. Aber es bedeutet hoffentlich auch: Billige „No-Name“-Schokolade wird sich schwerer als „nachhaltig“ verkaufen können, weil plötzlich Belege zählen, nicht Schlagworte.

Fazit
- Die EUDR schützt Wälder. Das ist dringend nötig.
- Sie zwingt alle Beteiligten in der Kakaokette zu kompletter Transparenz.
- Aber: Sie verlagert einen massiven bürokratischen Aufwand auf sehr kleine Einheiten – kleinbäuerliche Produzenten im Ursprung und kleine Bean-to-Bar-Hersteller in Europa.
- Wer diese Kette verantwortungsvoll organisiert (mit echten Partnerschaften statt anonymem Rohstoff-Einkauf), wird am EU-Markt bestehen – und kann das gegenüber Kund:innen auch zeigen.
- Wer das nicht kann, verschwindet.
-> Die Schokolade der Zukunft wird ehrlicher. Aber ehrliche Schokolade wird nicht billiger.



