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Die neue Kakaowelt: Warum es längst mehr als nur 4 Sorten gibt – und was das für Geschmack & Anbau bedeutet
Lange Zeit war die Kakaowelt scheinbar einfach: Criollo, Forastero, Trinitario und gelegentlich Nacional – das waren die vier bekannten Sorten, die in Lehrbüchern, auf Plantagen und in der Schokoladenwerbung vorkamen. Doch moderne Wissenschaft zeigt: Diese Einteilung ist viel zu grob.
Dank DNA-Analysen wissen wir heute, dass Kakao genetisch deutlich vielfältiger ist, als man jahrzehntelang dachte. Forscher wie Juan Carlos Motamayor (Mars Botanical & USDA, 2008) konnten mithilfe molekularer Marker zeigen, dass es mindestens elf genetische Cluster gibt – also Gruppen von Kakaopflanzen mit gemeinsamer DNA-Struktur, eigenem Ursprung und oft auch typischem Aromenprofil.

Elf genetische Cluster – ein Erbe des Amazonas
Diese Cluster spiegeln die evolutionäre Geschichte des Kakaos wider, der ursprünglich aus den Tropen des Amazonasbeckens stammt. Über Jahrtausende verbreiteten sich wilde Theobromaarten entlang der Flüsse – Iquitos, Nanay, Curaray, Marañón – und wurden von Menschen selektiert, gekreuzt und weiterkultiviert.
Die heute bekannten Cluster heißen beispielsweise:
- Criollo – genetisch selten, oft aus Mittelamerika (z. B. Venezuela, Mexiko)
- Nacional – urtümlich in Ecuador, mit floralen und nussigen Noten
- Amelonado – in Westafrika und Teilen Südamerikas verbreitet, robust und kräftig
- Contamana, Iquitos, Curaray, Marañón, Nanay, Guiana, Purús, Ucayali – ursprüngliche Linien aus dem westlichen und nördlichen Amazonasgebiet
Jeder dieser genetischen „Stämme“ hat eigene Merkmale – in der Farbe der Bohne, der Dicke der Schale, der Aromastruktur, aber auch in seiner Anfälligkeit gegenüber Krankheiten oder Anpassungsfähigkeit an Klima und Boden.
Geographische und genetische Populationsdifferenzierung des amazonischen Kakaobaums (Theobroma cacao L.)


Quelle: Geographic and Genetic Population Differentiation of the Amazonian Chocolate Tree (Theobroma cacao L)
Juan C. Motamayor1,2*, Philippe Lachenaud3, Jay Wallace da Silva e Mota4, Rey Loor5, David N. Kuhn1, J. Steven Brown1, Raymond J. Schnell1
1 National Germplasm Repository, US Department of Agriculture, Agricultural Research Service, Subtropical Horticulture Research Station, Miami, Florida, United States of America, 2MARS Inc., Hackettstown, New Jersey, United States of America, 3 CIRAD-Bios, UPR ‘‘Bioagresseurs de pe´rennes’’, TA-A31/02, Montpellier, France, 4 CEPLAC/SUPOR (AMAZONIA), Belem-Pa, Brazil, 5 INIAP, Estacio´n Experimental Pichilingue, Los Rı´os, Ecuador
Was das für den Anbau bedeutet
Für Kakaobauern und Kooperativen ist dieses Wissen Gold wert. Denn während der Weltmarkt auf wenige ertragreiche Hybride setzt, gehen immer mehr Projekte dazu über, genetische Diversität gezielt zu bewahren.
Ein Beispiel:
- Criollo-Cluster liefert exzellente Aromen, ist aber empfindlich gegenüber Pilzkrankheiten wie Monilia oder Witches’ Broom.
- Amelonado ist robust, bringt aber weniger komplexe Geschmacksnoten hervor.
- Nacional hat feine florale Nuancen, leidet aber unter genetischer Verarmung durch jahrzehntelange Hybridisierung.
Deshalb versuchen nachhaltige Kakaoprojekte – wie viele unserer Partnerkooperativen in Peru, Uganda oder der Dominikanischen Republik –, reine genetische Linien zu identifizieren und wieder anzubauen, oft im Agroforstsystem, um die Pflanzen widerstandsfähiger zu machen.
DNA-Analysen helfen dabei, die Ursprungslinien einer Bohne eindeutig zu bestimmen. So lässt sich nachvollziehen, welche Sorten sich in einer Region etabliert haben, wie sie sich kreuzen – und welche Sorten für die Zukunft am besten geeignet sind.

Bedeutung für uns Chocolatiers?
Für Bean-to-Bar-Hersteller wie uns ist diese Forschung keine Theorie, sondern direkt spürbar im Geschmack. Jede genetische Gruppe bringt ein anderes Aromenspektrum mit:
- Criollo-Cluster → feine Noten von Trockenfrüchten, Honig, Mandel, kaum Bitterstoffe
- Nacional-Cluster → florale, nussige, manchmal leicht kräuterige Nuancen
- Amelonado-Cluster → klassische Kakaonoten, kräftig, leicht holzig
- Amazonas-Cluster (Iquitos, Marañón, Curaray) → fruchtig-säuerlich, lebendig, oft mit Noten von roten Beeren oder Zitrus
Wie intensiv diese Aromen später in der Schokolade wahrnehmbar sind, hängt nicht nur von der Genetik ab, sondern auch von Fermentation, Trocknung, Röstung und Conchierung. Aber: Ohne genetische Grundlage keine Aromenvielfalt.
Deshalb ist die Arbeit an der genetischen Kartierung des Kakaos so bedeutsam – sie ermöglicht uns, gezielt Bohnen zu wählen, die geschmacklich und ökologisch überzeugen.

Vielfalt als Zukunftsstrategie
Während der Massenmarkt fast ausschließlich auf wenige Hybride des Forastero-Typs setzt (vor allem die sogenannten CCN-51-Kreuzungen aus Ecuador), droht ein Verlust jener genetischen Linien, aus denen Kakao ursprünglich hervorging.
Genetische Vielfalt ist aber nicht nur eine Frage des Geschmacks – sie ist auch Schlüssel für Resilienz.
Je mehr unterschiedliche Cluster es gibt, desto besser kann sich Kakao an neue Bedingungen anpassen: Hitze, Dürre, neue Krankheiten.
In einer Zeit, in der die Klimakrise Anbaugebiete verschiebt, wird diese Vielfalt überlebenswichtig.
Wer schützt und bewertet diese Vielfalt?
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Initiative Cacao of Excellence. Sie arbeitet eng mit Forschern, Bauern und Schokoladenherstellern zusammen, um die genetische und sensorische Vielfalt des Kakaos zu erfassen, zu schützen und zu würdigen.
Jährlich werden Bohnen aus über 50 Ländern analysiert und verkostet – nicht nach Ertrag, sondern nach Aroma, Herkunft und nachhaltiger Produktion.
So erhalten auch kleine Kooperativen Anerkennung, deren Bohnen aus seltenen genetischen Linien stammen – etwa aus Peru, Uganda, Kolumbien oder der Dominikanischen Republik.
Viele unserer eigenen Kakaos wurden bereits in diesem Kontext untersucht – und bestätigen, wie viel genetisches Potenzial in kleinen, direkt gehandelten Ursprüngen steckt.
Fazit: Geschmack beginnt im Erbgut
Wer heute von „Edelkakao“ spricht, meint längst nicht mehr nur Criollo oder Trinitario. Die moderne Forschung zeigt: Kakao ist ein genetischer Schatz mit mindestens elf bekannten Clustern, und vielleicht noch mehr, die erst entdeckt werden- die neue Kakaowelt.
Diese Vielfalt ist keine akademische Spielerei, sondern die Grundlage für Geschmack, Nachhaltigkeit und Zukunftssicherheit.
Jede Bohne erzählt eine eigene Geschichte und trägt in ihrem Erbgut das Aroma ihrer Herkunft.
Deshalb setzen wir bei Pott au Chocolat auf Transparenz, direkten Handel und Partner, die diese Vielfalt aktiv erhalten. Denn nur, wenn Kakao genetisch vielfältig bleibt, bleibt auch unser Bean To Bar Schokolade geschmacklich spannend.

Quellen und Hintergrund: Forschung von Motamayor et al. (2008, PNAS), International Cocoa Genebank (ICG, Trinidad), Cacao of Excellence Programme, Silva Cacao Knowledge Base.



