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Kleine Kakaobaum Setzlinge in einer Baumschule in Tansania von KokoaKamili

Die neue Kakaowelt – Criollo, Forastero, Trinitario … oder doch noch mehr?

5 Minuten Lesezeit

Die neue Kakaowelt: Warum es längst mehr als nur 4 Sorten gibt – und was das für Geschmack & Anbau bedeutet

Lange Zeit war die Kakaowelt scheinbar einfach: Criollo, Forastero, Trinitario und gelegentlich Nacional – das waren die vier bekannten Sorten, die in Lehrbüchern, auf Plantagen und in der Schokoladenwerbung vorkamen. Doch moderne Wissenschaft zeigt: Diese Einteilung ist viel zu grob.

Dank DNA-Analysen wissen wir heute, dass Kakao genetisch deutlich vielfältiger ist, als man jahrzehntelang dachte. Forscher wie Juan Carlos Motamayor (Mars Botanical & USDA, 2008) konnten mithilfe molekularer Marker zeigen, dass es mindestens elf genetische Cluster gibt – also Gruppen von Kakaopflanzen mit gemeinsamer DNA-Struktur, eigenem Ursprung und oft auch typischem Aromenprofil.

Schnittbrett mit halbierten frischen Kakaobohnen, um die Sortenmischung zu bestimmen. Lila Färbung im Schnitt sind Trinitatiostämme, die weiße Färbung deutet auf Criollo Stämme. Aufgenommen von Crafting Markets auf Java in Indonesien.
Halbierte frische Kakaobohnen, um die Sortenmischung zu bestimmen. Lila Färbung im Schnitt sind Trinitatiostämme, die weiße Färbung deutet auf Criollo Stämme hin. | Foto: Crafting Markets

Elf genetische Cluster – ein Erbe des Amazonas

Diese Cluster spiegeln die evolutionäre Geschichte des Kakaos wider, der ursprünglich aus den Tropen des Amazonasbeckens stammt. Über Jahrtausende verbreiteten sich wilde Theobromaarten entlang der Flüsse – Iquitos, Nanay, Curaray, Marañón – und wurden von Menschen selektiert, gekreuzt und weiterkultiviert.

Die heute bekannten Cluster heißen beispielsweise:

  • Criollo – genetisch selten, oft aus Mittelamerika (z. B. Venezuela, Mexiko)
  • Nacional – urtümlich in Ecuador, mit floralen und nussigen Noten
  • Amelonado – in Westafrika und Teilen Südamerikas verbreitet, robust und kräftig
  • Contamana, Iquitos, Curaray, Marañón, Nanay, Guiana, Purús, Ucayali – ursprüngliche Linien aus dem westlichen und nördlichen Amazonasgebiet

Jeder dieser genetischen „Stämme“ hat eigene Merkmale – in der Farbe der Bohne, der Dicke der Schale, der Aromastruktur, aber auch in seiner Anfälligkeit gegenüber Krankheiten oder Anpassungsfähigkeit an Klima und Boden.

Geographische und genetische Populationsdifferenzierung des amazonischen Kakaobaums (Theobroma cacao L.)

Schaubild zum Thema genetische Cluster der Kakaowelt.
Figure 1. Localization of the origin of individuals analyzed; colors indicate the inferred genetic cluster to which they belong. Approximated location of Amazon ancient ridges (‘‘palaeoarches’’) is shown, after [26], in order of apparition clockwise: Fitzcarrald, Maran˜ on, Serra do Moa, Iquitos, Vaupe´ s, Carauari, Puru´ s, Monte Alegre and Gurupa. U: Upper and M: Middle Solimðes. doi:10.1371/journal.pone.0003311.g001
Neighbor-Joining-Stammbaum, berechnet aus einer Distanzmatrix der genetischen Distanz nach Cavalli-Sforza und Edwards, für 36 mit STRUCTURE identifizierte Subcluster (insgesamt 559 Klone). Die Knoten-/Astwerte zeigen Bootstrap-Prozentwerte basierend auf den 96 beibehaltenen Genloci
Figure 2. Neighbor joining tree from Cavalli-Sforza and Edwards genetic distance [16] matrix among the 36 subclusters identified using Structure (559 clones). Values represent percentages after bootstraps on the 96 loci retained. doi:10.1371/journal.pone.0003311.g002

Quelle: Geographic and Genetic Population Differentiation of the Amazonian Chocolate Tree (Theobroma cacao L)
Juan C. Motamayor1,2*, Philippe Lachenaud3, Jay Wallace da Silva e Mota4, Rey Loor5, David N. Kuhn1, J. Steven Brown1, Raymond J. Schnell1
1 National Germplasm Repository, US Department of Agriculture, Agricultural Research Service, Subtropical Horticulture Research Station, Miami, Florida, United States of America, 2MARS Inc., Hackettstown, New Jersey, United States of America, 3 CIRAD-Bios, UPR ‘‘Bioagresseurs de pe´rennes’’, TA-A31/02, Montpellier, France, 4 CEPLAC/SUPOR (AMAZONIA), Belem-Pa, Brazil, 5 INIAP, Estacio´n Experimental Pichilingue, Los Rı´os, Ecuador

Was das für den Anbau bedeutet

Für Kakaobauern und Kooperativen ist dieses Wissen Gold wert. Denn während der Weltmarkt auf wenige ertragreiche Hybride setzt, gehen immer mehr Projekte dazu über, genetische Diversität gezielt zu bewahren.

Ein Beispiel:

  • Criollo-Cluster liefert exzellente Aromen, ist aber empfindlich gegenüber Pilzkrankheiten wie Monilia oder Witches’ Broom.
  • Amelonado ist robust, bringt aber weniger komplexe Geschmacksnoten hervor.
  • Nacional hat feine florale Nuancen, leidet aber unter genetischer Verarmung durch jahrzehntelange Hybridisierung.

Deshalb versuchen nachhaltige Kakaoprojekte – wie viele unserer Partnerkooperativen in Peru, Uganda oder der Dominikanischen Republik –, reine genetische Linien zu identifizieren und wieder anzubauen, oft im Agroforstsystem, um die Pflanzen widerstandsfähiger zu machen.

DNA-Analysen helfen dabei, die Ursprungslinien einer Bohne eindeutig zu bestimmen. So lässt sich nachvollziehen, welche Sorten sich in einer Region etabliert haben, wie sie sich kreuzen – und welche Sorten für die Zukunft am besten geeignet sind.

Viele rote, gelbe und grüne Kakaofrüchte liegen auf einem Stapel in einem Anbaugebiet.
Kleine Farm in den Bergen von Hermanas Mirabal im Norden der Dominikanischen Republik | Foto: Pott au Chocolat

Bedeutung für uns Chocolatiers?

Für Bean-to-Bar-Hersteller wie uns ist diese Forschung keine Theorie, sondern direkt spürbar im Geschmack. Jede genetische Gruppe bringt ein anderes Aromenspektrum mit:

  • Criollo-Cluster → feine Noten von Trockenfrüchten, Honig, Mandel, kaum Bitterstoffe
  • Nacional-Cluster → florale, nussige, manchmal leicht kräuterige Nuancen
  • Amelonado-Cluster → klassische Kakaonoten, kräftig, leicht holzig
  • Amazonas-Cluster (Iquitos, Marañón, Curaray) → fruchtig-säuerlich, lebendig, oft mit Noten von roten Beeren oder Zitrus

Wie intensiv diese Aromen später in der Schokolade wahrnehmbar sind, hängt nicht nur von der Genetik ab, sondern auch von Fermentation, Trocknung, Röstung und Conchierung. Aber: Ohne genetische Grundlage keine Aromenvielfalt.

Deshalb ist die Arbeit an der genetischen Kartierung des Kakaos so bedeutsam – sie ermöglicht uns, gezielt Bohnen zu wählen, die geschmacklich und ökologisch überzeugen.

Faktoren, die den Geschmack von Schokolade beeinflussen: Genetik, Umwelt, Terroir, Plantagen Management und Ernte, Fermentation, Trocknung, Lagerung und Transport, Rösten und die Fähigkeiten des Chocolatiers

Vielfalt als Zukunftsstrategie

Während der Massenmarkt fast ausschließlich auf wenige Hybride des Forastero-Typs setzt (vor allem die sogenannten CCN-51-Kreuzungen aus Ecuador), droht ein Verlust jener genetischen Linien, aus denen Kakao ursprünglich hervorging.

Genetische Vielfalt ist aber nicht nur eine Frage des Geschmacks – sie ist auch Schlüssel für Resilienz.
Je mehr unterschiedliche Cluster es gibt, desto besser kann sich Kakao an neue Bedingungen anpassen: Hitze, Dürre, neue Krankheiten.

In einer Zeit, in der die Klimakrise Anbaugebiete verschiebt, wird diese Vielfalt überlebenswichtig.

Wer schützt und bewertet diese Vielfalt?

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Initiative Cacao of Excellence. Sie arbeitet eng mit Forschern, Bauern und Schokoladenherstellern zusammen, um die genetische und sensorische Vielfalt des Kakaos zu erfassen, zu schützen und zu würdigen.

Jährlich werden Bohnen aus über 50 Ländern analysiert und verkostet – nicht nach Ertrag, sondern nach Aroma, Herkunft und nachhaltiger Produktion.
So erhalten auch kleine Kooperativen Anerkennung, deren Bohnen aus seltenen genetischen Linien stammen – etwa aus Peru, Uganda, Kolumbien oder der Dominikanischen Republik.

Viele unserer eigenen Kakaos wurden bereits in diesem Kontext untersucht – und bestätigen, wie viel genetisches Potenzial in kleinen, direkt gehandelten Ursprüngen steckt.

Fazit: Geschmack beginnt im Erbgut

Wer heute von „Edelkakao“ spricht, meint längst nicht mehr nur Criollo oder Trinitario. Die moderne Forschung zeigt: Kakao ist ein genetischer Schatz mit mindestens elf bekannten Clustern, und vielleicht noch mehr, die erst entdeckt werden- die neue Kakaowelt.

Diese Vielfalt ist keine akademische Spielerei, sondern die Grundlage für Geschmack, Nachhaltigkeit und Zukunftssicherheit.
Jede Bohne erzählt eine eigene Geschichte und trägt in ihrem Erbgut das Aroma ihrer Herkunft.

Deshalb setzen wir bei Pott au Chocolat auf Transparenz, direkten Handel und Partner, die diese Vielfalt aktiv erhalten. Denn nur, wenn Kakao genetisch vielfältig bleibt, bleibt auch unser Bean To Bar Schokolade geschmacklich spannend.

Ein Stapel mit verschiedenen Schokoladentafeln wird mit flüssiger Schokolade übergossen
Foto: Pott au Chocolat

Quellen und Hintergrund: Forschung von Motamayor et al. (2008, PNAS), International Cocoa Genebank (ICG, Trinidad), Cacao of Excellence Programme, Silva Cacao Knowledge Base.

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